Interview mit Tobias Seger: Schüleraustausch Shenzhen – Kempten

Am 03.01.2020 startete der zweiwöchige Schüleraustausch zwischen der Berufsschule in Kempten und dem Shenzhen Institute of Information Technology (SZIIT) in China.

Im folgenden Interview, geführt von unserer Ausbildungsleiterin Corinna Kittel und dem AzubiBlog Team (bestehend aus Viktoria Frank und Jan-Lucca Glöckner) berichtet Tobias Seger, Industriemechaniker im 2. Ausbildungsjahr bei 3M Technical Ceramics in Kempten, über das umfangreiche Programm und die gesammelten Erfahrungen in Shenzhen.

Ausbilderin: Hallo Tobias, schön dass Du uns von Deinem Schüleraustausch berichtest. Fangen wir doch erst einmal ganz am Anfang an: Wie hat sich Eure Gruppe zusammengesetzt und wie war die Anreise?

Tobias: Vorab möchte ich sagen, dass ich mich freue, Euch heute von meinem China-Aufenthalt erzählen zu dürfen. Unsere Gruppe bestand aus vier Jungs und zwei Mädchen, wir wurden aus den Klassensprechern ausgewählt. Außerdem begleitete uns eine Lehrkraft. Die Anreise war ziemlich lang. Wir sind zunächst von München nach Doha geflogen und nach einem kurzen Aufenthalt ging es weiter nach Shenzhen, wo wir schon von den Organisatoren und einer Dolmetscherin erwartet wurden. Die Sicherheitsmaßnahmen in China sind sehr streng, sodass jeder von uns alle zehn Fingerabdrücke nehmen lassen musste und das hat natürlich seine Zeit gedauert. Der erste Tag war dann auch zur Erholung da, bevor es mit dem Programm losging.

AB-Team: Auf dieses Programm sind wir jetzt sehr gespannt! Erzähl mal, wie lang dauerte der Austausch? Was war in der Zeit für euch geboten? Wie sieht die Schule in Shenzhen aus? Welche Eindrücke hast du gesammelt?

Tobias: Der Austausch ging insgesamt zwei Wochen. Am ersten Tag wurden wir offiziell von dem Präsidenten der Schule in einem großen Saal empfangen – das war fast schon eine Zeremonie würde ich sagen, ca. 25-30 Personen haben uns herzlich begrüßt, wirklich imposant! Danach wurden wir einer Klasse zugeteilt. Dort haben wir auch die nächsten vier Tage gemeinsam mit den Schülern Roboter programmiert, ist ja schließlich ein „Institut für Informationstechnologie“. Die Schule an sich ist riesig, sie erstreckt sich über die Fläche eines Quadratkilometers. Auf dem Gelände gibt es mehrere Sportanlagen, Restaurants, sogar Wohnblocks für ca. 20.000 Schüler. Wir selbst waren in einem Hotel untergebracht, welches ebenfalls auf dem Schulgelände ist. Das ist alles überhaupt nicht vergleichbar mit den Schulen in Deutschland.

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AB-Team: Wow, das hört sich sehr beeindruckend an. Das Gelände sieht auch sehr groß aus auf dem Bild. Kaum vorstellbar, dass das alles nur zu einer Schule gehört. Gab es denn Schwierigkeiten in der Kommunikation mit den chinesischen Schülern?

Tobias: Also eigentlich war mit Englisch alles gut machbar und für den Notfall hatten wir ja eine Dolmetscherin dabei. Aber die Schüler dort haben noch nie Austauschschüler zu Besuch gehabt, deswegen wurden wir von allen Schülern „angehimmelt“ und sogar seeehr oft nach Selfies gefragt, da kam man sich teilweise schon wie ein Promi vor :-)

AB-Team: Ja, für die Schüler in China sind europäische Schüler natürlich sehr außergewöhnlich – verständlich, dass ihr da so beliebt wart. Wie lang ging denn der Unterricht jeden Tag? Habt ihr an diesen Tagen dann nichts anderes mehr gemacht?

Tobias: Der Unterricht ging täglich von 8 Uhr bis 16 Uhr und insgesamt hatten wir jeden Tag ca. 10-11 Stunden Programm, also langweilig wurde uns nie. Für die zweite Woche haben wir das Programm ein wenig abgespeckt, weil die erste Woche ziemlich anstrengend war.

AB-Team: Hattet ihr in der zweiten Woche auch noch Unterricht oder wie sah dieses abgespeckte Programm aus?

Tobias: Unterricht hatten wir in der zweiten Woche nicht mehr, dafür haben wir die kulturelle Vielfalt erleben dürfen. Wir wurden einmal zu einem Schulkonzert an einen See eingeladen, bei dem wir selbst auch einen kleinen Auftritt hatten. Einer von uns Jungs spielte Gitarre und wir anderen haben gesungen, das kam bei den chinesischen Schülern natürlich gut an und hat sehr viel Spaß gemacht. An einem anderen Tag besuchten wir einen Garten, in dem wir chinesisches Gewand trugen und traditionelle Instrumente spielten. Und wir haben ein Lesezeichen aus Holz gebaut, das wir auch mit nach Hause nehmen durften.

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AB-Team: Das hört sich doch schon gleich viel entspannter an! Jetzt haben wir schon einen kleinen Einblick in die chinesische Kultur bekommen, aber wie war es denn mit dem Essen? Kann man das mit dem Essen, das wir hier in Deutschland vom Chinesen kennen, vergleichen?

Tobias: Das Essen war sehr ungewohnt, weil dort wenig mit Salz und auch mit anderen Gewürzen gekocht wird – deswegen schmeckte alles ganz anders als das chinesische Essen, das wir hier kennen. Die (Ess-)Kultur hat grundsätzlich sehr wenig mit unserer westlichen Kultur gemeinsam. So ist es z. B. unüblich, wenn man den Teller leer isst – das steht dann dafür, dass man nicht satt wurde.

Ausbilderin: Abschließend würden wir gerne noch etwas über das Arbeitsleben in China von Dir erfahren. Wie hast Du das wahrgenommen?

Tobias: Dieses Erlebnis hat mir einmal mehr die Augen geöffnet, wie schön wir es hier in Deutschland haben. Als ich den chinesischen Mitschülern von unserem dualen Ausbildungssystem in Deutschland erzählt habe, dass wir schon richtig arbeiten dürfen, Geld verdienen und die Berufsschule nur einen kleinen Teil der Ausbildung ausmacht, waren sie sehr verblüfft und konnten gar nicht richtig glauben, dass wir nicht wie sie den ganzen Tag in der Schule sitzen. Bei den Chinesen ist es nämlich so, dass sie sehr lange zur Schule gehen und schon früh mit dem großen Leistungsdruck konfrontiert werden, da man zu den Besten gehören muss, um am Arbeitsmarkt zu bestehen bzw. sehr gute Jobangebote abgreifen zu können. Ein Schüler hat mir beispielsweise erzählt, dass er die Beziehung mit seiner Freundin beenden musste, weil er so viel für die Schule lernen muss und kaum Freizeit hat.

AB-Team: Das ist wirklich sehr erschreckend und für uns kaum vorstellbar. Aber zum Glück leben wir ja hier in Deutschland. Willst du abschließend noch ein kleines Fazit zu dem Schüleraustausch ziehen?

Tobias: Also generell war der Austausch eine großartige Erfahrung, wir hatten sehr viel Spaß und haben viele Dinge über die Kultur und das Arbeitsleben in China erfahren. Ich hoffe aber für die Zukunft, dass die Austausche nicht zeitgleich stattfinden, sondern dass die Schüler aus China zeitlich versetzt zu uns kommen, sodass sich die Schulklassen gegenseitig in Deutschland sowie in China betreuen können. Vom Umfang her könnte das Programm etwas entzerrt werden, aber im Großen und Ganzen war der Austausch echt genial!

LG aus Kempten

Jan-Lucca & Viktoria

 

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